Am 19. Oktober 1949, eine Woche nach der Gründung des Deutscher Gewerkschaftsbundes (DGB) in München, bildeten Vertreter von 32 Wirtschaftsverbänden und Arbeitsgemeinschaften im Hotel Excelsior in Köln den »Ausschuss für Wirtschaftsfragen der industriellen Verbände«.
Der Name berücksichtigte die Bedenken der Alliierten gegen einen permanenten industriellen Spitzenverband. Erst mit der für den Herbst 1949 geplanten Gründung des DGB erkannten die Alliierten auch die Notwendigkeit einer Spitzenvertretung der Unternehmer an. Am 1. Juli 1949 erklärten sich die Vertreter derMilitärregierung bereit, die Satzung einer solchen Spitzenvertretung entgegenzunehmen. Vorbild war der »Reichsverband der deutschen Industrie«, der von 1919 bis 1933 existiert hatte.Ende Januar 1950 erfolgte die Umbenennung in »Bundesverband der Deutschen Industrie«. Zum ersten Präsidenten wählten die anwesenden Unternehmer Fritz Berg.
Der BDI der Ära Fritz Berg (1949 bis 1971)
Mit Berg trat ein mittelständischer Unternehmer der metallverarbeitenden Industrie an die Spitze des BDI. Berg prägte organisatorische Entwicklung und wirtschaftspolitischen Einfluss des BDI mehr als zwei Dekaden entscheidend. Der erste BDI-Präsident wurde 1901 in Altena als Sohn einer westfälischen eisenverarbeitenden Unternehmerfamilie geboren. Nach seinem Studium der Volkswirtschaftlebte er von 1925 bis 1928 in den USA und in Kanada. Die zu dieser Zeit geknüpften persönlichen Kontakte sollten für sein späteres Wirken als BDI-Präsident von großer Bedeutung werden. Zurück in Deutschland startete Berg 1928 als Prokurist im elterlichen Unternehmen Wilh. Berg, dessen Alleininhaber er 1940 wurde.
Die Zeit der Präsidentschaft von Berg prägten drei große Themen:
die Positionierung des BDI im öffentlichen wirtschaftspolitischen Diskurs
der Auf- und Ausbau der dutschen Verbandslandschaft sowie
international die integration der westdeutschen Wirtschaft in den europäischen irtschaftsraum und die transatlantische Partnerschaft.
Bei der Gründung waren der Präsident des esten Deutschen Bundestages, der Vizekanzler und vier Bundesminister anwesend. Im Januar 1950 besprach sich Bundeskanzler Konrad Adenauer erstmals mit dem BDI-Präsidenten – der Anfang einer Vielzahl persönlicher Gespräche zwischen Adenauer und Berg.
Bis zur ersten Mitgliederversammlung im März 1950 gab es im BDI bereits acht Ausschüsse, darunter die Gremien für Außenhandels- und für Steuerpolitik. Bis Jahresende kamen weitere fünf Ausschüsse hinzu. Die Zahl der Mitgliedsverbände stieg von 32 auf 34. Eine eigene Adresse war schnell gefunden: Im Januar 1950 bezogen Hauptgeschäftsführer Wilhelm Beutler, sein Stellvertreter, sieben Referatsleiter, zwei Referenten und ein Büroleiter die Geschäftsstelle am Kaiser-Wilhelm-Ring in Köln.
1947 litten die Empfängerländer des Marshallplans an einem erheblichen Mangel an Dollar. Dies war 1949, noch vor der Gründung des BDI, Anlass, in New York das German-American-Promotion-Office zu errichten. Es wurde später eine Auslandsvertretung des BDI. Der Marshallplan war der erste Anknüpfungspunkt für Bergs intensive Bemühungen um eine starke transatlantische Partnerschaftund die Gründung eines europäischen Spitzenverbandes. Dieser wurde ebenfalls 1949 errichtet.
Im Zuge des Marshallplans wurde im Dezember 1951 zu einem Internationalen Industrie-Kongress nach New York eingeladen. Dieser Kongress hinterließ bei vielen deutschen Unternehmern das Gefühl, wieder vollwertige Mitglieder der internationalen Wirtschaftswelt zu sein.
Am Ende der Präsidentschaft Bergs war der BDI ein deutlich vernehmbares Sprachrohr der deutschen Industrie zu allen wirtschaftspolitischen Themen. Die deutsche Wirtschaft war fest in den europäischen Integrationsprozess einbezogen, die transatlantische Partnerschaft gefestigt. Bergs letzte Amtszeit endete 1971.
Die Zeit der sozialliberalen Koalition (1972 bis 1982)
Nachfolger Fritz Bergs wurde auf der Mitgliederversammlung Bergassessor a. D. Hans-Günther Sohl, Vorstandsvorsitzender der August-Thyssen-Hütte AG.Sohl, 1906 in Danzig geboren, übernahm Ende der 40er Jahre die Leitung der August-Thyssen-Hütte (ATH) in Duisburg. Nach mehreren Fusionen stieg ATH 1973 zum größten Stahltrust Europas auf. 1977 benannte sich der Konzern in Thyssen AG um.
Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie geriet durch die Ölkrise stark unter Druck. Die Arbeitslosenzahl stieg stark und lag 1975 bis 1977 über der Millionengrenze – viermal höher als noch 1972.In dieser schwierigen Zeit kritisierte Sohl die überproportional steigenden Löhne, die in den Unternehmen zu einem Rückgang der Investitionen führten. Die Mitgliederversammlung wählte im Juni 1976 einen gemeinsamen Präsidenten von BDI und BDA: Hanns-Martin Schleyer, seit Anfang 1974 BDA-Präsident und bis heute einziger Präsident im Doppelamt. Schleyer, geboren 1915 in Offenburg, war 1951 in den Daimler-Benz-Konzern eingetreten. Er stieg 1963 zum Vorstandsmitglied mit Zuständigkeit für das Personal- und Sozialwesen auf.
Parallel dazu engagierte er sich in den Arbeitgeberverbänden. Nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt im BDI wurde er am 5. September 1977 von Mitgliedern der RAF entführt, am 18. Oktober 1977 ermordet.
Von der Wende bis zur Wiedervereinigung (1982 bis 1990)
Unter Rodenstocks Führung mahnte der BDI eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik an – für eine stärkere Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft. In seine Amtszeit fiel die Wende von der sozial-liberalen zur christlich-liberalen Koalition. Der neue Bundeskanzler Helmut Kohl formulierte eine Politik »Weg von mehr Staat, hin zu mehr Markt«.
Im März 1984 entschied der BDI-Vorstand, die Nachfolge Rodenstocks zweistufig zu regeln. Beide Nachfolgekandidaten, Hans Joachim Langmann und Tyll Necker, konnten wegen ihrer unternehmerischen Tätigkeiten das Amt nur zeitlich begrenzt ausüben. Zum Nachfolger Rodenstocks wählte die BDI-Mitgliederversammlung für die Jahre 1985 und 1986 Hans Joachim Langmann, den Vorsitzenden des Gesellschafterrates und der Geschäftsführung der Merck OHG. Der Physiker Langmann, 1924 in Groß-Updahl in Mecklenburg geboren, studierte in Göttingen und Heidelberg Physik.
Er heiratete in die Darmstädter Pharma-Familie Merck ein, trat in das gleichnamige Unternehmen ein und machte aus dem Unternehmen einen Weltkonzern. Langmanns zentrales Thema als BDI-Präsident waren die Verminderung der Steuerlast für die Unternehmen und die Vereinfachung des deutschen Steuerwesens. Er betonte die Interessenidentität zwischen kleinen und großen Industrieunternehmen. Auf Langmann folgte von 1987 bis 1990 und von 1992 bis 1994 der 1930 in Berlin geborene Tyll Necker.
Nach seinem Studium der Volkswirtschaft und Philosophie führte Necker das Unternehmen Hako-Werke GmbH & Co. mit der Produktion von Reinigungsmaschinen zu internationalem Erfolg. Er leitete den BDI, als die Mauer fiel und Deutschland sich wiedervereinigte, und engagierte sich persönlich dafür, dass die Marktwirtschaft in den neuen Bundesländern populär wurde.
Necker verschaffte sich auch bei politischen Gegnern Gehör: Bei der Eröffnung der Hannover-Messe 1988 appellierte er an Politiker, Gewerkschafter und Unternehmer, einen Pakt zu Gunsten des Standorts Bundesrepublik zu schließen. Deshalb gilt Necker heute als einer der Väter der Standortdebatte. Im selben Jahr sprach er sich dafür aus, den Umweltschutz zur »Chefsache« zu machen und verstärkt in die gesamte Unternehmenspolitik zu integrieren.
Zum Ende seiner vierjährigen Amtszeit kündigte Necker seinen Verzicht auf eine weitere Kandidatur an und schlug als Nachfolger Heinrich Weiss vor, den Vorstandsvorsitzenden der SMS Schloemann-Siemag AG. Weiss, Jahrgang 1942, war von Anfang 1991 bis zu seinem Rücktritt im Sommer 1992 BDI-Präsident. Ihm folgte erneut Necker. Überzeugt, dass das zentrale Thema der deutschen Wirtschaftspolitik in den nächsten Jahren das Sichern und Schaffen von Arbeitsplätzen sein würde, verlangte Necker vom Staat beispielsweise eine drastische Senkung der Verschuldung, eine allgemeine Verringerung der Steuerlast sowie eine verbesserte Forschungsförderung.
Das Zeitalter der Globalisierung
Tyll Neckers Nachfolger im BDI-Präsidentenamt wurde 1995 Hans-Olaf Henkel. Der 1940 in Hamburg geborene Henkel begann 1962 seine berufliche Laufbahn bei IBM Deutschland. In der Folgezeit stieg er im US-Computerkonzern bis zum Vorsitzenden der Geschäftsführung auf. Unter seiner Präsidentschaft zog der BDI zusammen mit BDA und DIHK nach Berlin in das gemeinsam genutzte Haus der Deutschen Wirtschaft.Henkels wichtigstes Thema waren die Chancen des Wettbewerbs. Die zahlreichen Vorschläge des BDI zu nahezu allen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen ließ Henkel in einem neuartigen »Perspektivkonzept für ein attraktives Deutschland« bündeln.
In seiner Mitgliederstruktur trug der BDI dem Strukturwandel der Wirtschaft Rechnung: Seit 1995 wurden auch Verbände, die die Interessen industrienaher Dienstleister vertreten, zu BDI-Mitgliedern – etwa die Entsorgungswirtschaft ab 1995 oder die Informationswirtschaft ab 2000. In Henkels Amtszeit fiel der Wechsel von der Regierung Kohl zur rot- grünen Koalition unter Kanzler Gerhard Schröder.
Nach sechs Jahren Präsidentschaft übergab Henkel 2001 das Amt an den Maschinenbauer und ehemaligen VDMAPräsidenten Michael Rogowski. Rogowski, geboren 1939 in Stuttgart, trat 1974 der J. M. Voith GmbH bei, einer Maschinenbaufirma in Heidenheim, die sich in Familienbesitz befand. Als ihr Vorsitzender baute der Wirtschaftsingenieur das Unternehmen ab 1992 zu einem der führenden Maschinenbauer aus. Der neue BDI-Präsident ging mit Schröder während des Bündnisses für Arbeit wegen der Tarifpolitik auf Konfrontationskurs und befürwortete später die Reformen der Agenda 2010.
Zentrales Thema seiner BDI-Präsidentschaft war die Freiheit. Rogowski betonte Freiheit als Grundvoraussetzung für eine funktionierende soziale Marktwirtschaft. Der 1941 in Schwelm/Westfalen geborene mittelständische Unternehmer Jürgen R. Thumann übernahm mit 19 Jahren nach dem Tod des Vaters dessen Firma Thumann Stahl Service Center. 1978 gründete er die Heitkamp & Thumann Gruppe. Seit 1991 war Thumann Mitglied im BDI-Präsidium, von 1991 bis 2005 Präsident des Mitgliedsverbands WSM Wirtschaftsverband Stahl und Metall-verarbeitung.
In Thumanns Präsidentschaft fiel ein Prozess der Reorganisation des BDI: Der langjährige Hauptgeschäftsführer Ludolf von Wartenberg schied aus dem Berufsleben aus, der ehemalige bayerische Umweltminister Werner Schnappauf wechselte zum BDI. Eines der wichtigsten Themen der Präsidentschaft Thumanns war die Erbschaftsteuerreform. Nach vier Jahren intensiven politischen und juristischen Ringens mit der seit 2005 regierenden Großen Koalition gelang ein Kompromiss, der viele Unternehmen besser stellt. Das Thema Klimapolitik machte Thumann auch als Vorsitzender der BDI-Initiative »Wirtschaft für Klimaschutz« zur Chefsache: Die BDI-Initiative legte mit der Unternehmensberatung McKinsey eine Klimastudie zu den »Kosten und Potenzialen der Vermeidung von Treibhausgasemissionen in Deutschland« vor.
Thumann setzte sich auch für die transatlantische Wirtschaftsintegration ein. Auf Initiative des BDI und der Bundesregierung kam es zur Gründung des »Transatlantic Economic Council« (TEC), dessen europäischer Sprecher Thumann wurde. Die Sitzungen des TEC führten zu konkreten Fortschritten, beispielsweise beim Export von EU-Elektrogeräten in die USA oder bei der Harmonisierungdes Patentrechts.
Die Mitgliederversammlung wählte für die Jahre 2009 und 2010 Hans-Peter Keitel zum Nachfolger von Thumann. Er übernimmt das Amt, als eine der größten weltweiten Finanzkrisenbeginnt, auf die Konjunktur der Realwirtschaftdurchzuschlagen.