Statements

BDI-Präsident Keitel zur Währungsunion

Für den Euro sprechen politische und handfeste wirtschaftliche Gründe

25.06.2012

Wir Europäer müssen die Währungsunion jetzt konsequent zu einer politischen Union ausbauen.

Die Notwendigkeit, lösungsorientierte Entscheidungen zu treffen, wird immer größer. Denn der internationale Druck auf Europa und insbesondere Deutschland wächst, das Problem in den Griff zu kriegen und die europäische Krise zu überwinden. So fordern es unsere internationalen politischen Partner aus Amerika, Asien, Afrika und Australien, wie ich selbst in vielen Gesprächen auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Mexiko Anfang der Woche erfahren habe. So wollen es die Finanzmärkte, wo die Entwicklung in der Eurozone, allen voran in Spanien und Italien, mit strengstem Blick verfolgt wird und allerlei Spekulationen um die Zukunft unserer Währung angestellt werden.

Ich bin der Meinung, dass es sich viele im Ausland zu einfach machen mit ihrer Forderung an Deutschland, mit Geld und Garantien nun seiner Verantwortung gerecht zu werden – ohne Bedingungen. Dabei ist es für mich entscheidend, den Konsolidierungs- und Reformkurs sowie wichtige Strukturreformen unbedingt einzufordern. Die ausgeuferte Verschuldung der öff entlichen Haushalte ist die Wurzel unseres Problems.

Für mich genauso kurzsichtig argumentieren einige für eine Verkleinerung der Eurozone. Jeder Schritt zurück in der europäischen Integration würde unkalkulierbare Risiken für die wirtschaftliche und politische Stabilität bedeuten. Wir müssen jetzt die Lehren aus der Krise ziehen und das europäische Projekt zu einer politischen Union weiterentwickeln. Es gilt, einen wirklich gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsraum zu schaffen und unsere Handlungsfähigkeit auf internationaler Ebene zu steigern. Deutschland ist keine Insel – und im Übrigen auch unser Kontinent innerhalb der Welt nicht. Es ist fahrlässig, bei diesen grundlegenden Fragen nicht von Anfang an alle Konsequenzen zu bedenken.

Jeder von uns weiß, wie schwer es derzeit ist, sich mit Argumenten in die öff entliche Debatte über die Staatsschuldenkrise in Europa und die Zukunft des Euro einzubringen. Im BDI vertreten wir mit 38 Mitgliedsverbänden mehr als 100.000 Unternehmen in unserem Land, darunter etwa 98 Prozent mittelständische Unternehmen, viele davon Familienunternehmen. Sie, die vielen Unternehmer und Manager in unserem Land, sind es, die mit ihren wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten in Gesprächen Orientierung geben können.

Denn auch heute gilt: Die Geschichte der europäischen Integration ist eine Erfolgsgeschichte, die Einführung des Euro war und bleibt richtig. Für ihn sprechen politische und handfeste wirtschaftliche Gründe. Gerade für Deutschland und seine Exportwirtschaft ist die Gemeinschaftswährung das Fundament für Wohlstand und Beschäftigung.

Der Euro hat den Menschen in den Ländern der Währungsunion weniger Inflation und mehr Wohlstand gebracht. Mit dem Euro haben die Unternehmen in Deutschland, ihre Belegschaften und deren Familien erhebliche Vorteile erzielen können. Die langfristige Sicherung der Währungsunion liegt im elementaren Interesse jedes Einzelnen von uns.

1. Der Euro hat den Handel Deutschlands mit dem Euroraum gestärkt
Die Schaffung eines politisch geeinten Europas und der echte europäische Binnenmarkt mit seiner Freizügigkeit für Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital ist eine Errungenschaft, die Wirtschaft und Bürgern Tag für Tag nutzt. Transparentere Preise, geringere Transaktionskosten und der Wegfall des Wechselkursrisikos haben den Handel stimuliert. Natürlich haben die aufstrebenden Schwellenländer in den vergangenen Jahren als Partner der deutschen Industrie enorm an Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig konnte jedoch der Handel mit den etablierten Industriestaaten im Euroraum kontinuierlich ausgebaut werden. Allein im vorigen Jahr legten die Exporte in den Euroraum erneut um 8,6 Prozent zu. Insgesamt gingen 2011 rund 40 Prozent der deutschen Exporte in die Eurozone. Was Sie und Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wissen sollten: Rund drei Millionen Arbeitsplätze in Deutschland hängen an Exporten in den Euroraum. Nach einer Befragung des BDI unter den größten Familienunternehmen in Deutschland gaben im vergangenen Jahr rund 53 Prozent der Unternehmen ausschließlich europäische Länder als ihre drei wichtigsten Absatzmärkte an. Auch als Ziel- und Herkunftsland von Direktinvestitionen von und nach Deutschland spielen die Euroländer selbstverständlich die zentrale Rolle. Der Euroraum dient vielen deutschen Unternehmen als Standbein zur Erschließung internationaler Wachstumsmärkte.

2. Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft hat seit der Einführung des Euro deutlich zugelegt
Unternehmen konnten durch verstärkte Investitionen im Euroraum kosteneffizienter produzieren. Der Wegfall der Wechselkursunsicherheiten hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet. Strukturreformen haben zusätzlich die Produktivität gesteigert. Folglich sind die Lohnstückkosten im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hierzulande deutlich moderater gestiegen als im Rest des Euroraums. Klar ist, dass sich diese Effekte nun nicht einfach fortschreiben lassen. Weitere Strukturreformen müssen angepackt werden. Erinnern wir uns: Zur Zeit der D-Mark wurden Wettbewerbsvorteile regelmäßig durch eine Aufwertung der D-Mark oder eine Abwertung der Währungen der südeuropäischen Länder zunichte gemacht. Diese Währungsrisiken werden durch die gemeinsame Währung gebannt.

3. Der Euro hat zu stabileren Wechselkursen beigetragen
Seit Anfang 2002 stieg der Außenwert unserer Gemeinschaftswährung im Vergleich zum Dollar weitgehend kontinuierlich. Ihren Höchststand erreichte sie mit 1,60 Dollar im Frühjahr 2008. Auch im Rahmen der Abwertung des Euro seit Anfang 2010 ist die Gemeinschaftswährung nicht unter ihren Einstandswert von 1,1789 Dollar gefallen. Damit fallen die Wechselkursschwankungen des Euro zum Dollar geringer aus als die Schwankungen der D-Mark zum Dollar in den 1980er und 1990er Jahren. Der Höhenfl ug des Euro hat der starken Wettbewerbsposition unserer heimischen Wirtschaft nichts anhaben können. Der Euro wirkt asymmetrisch: Sinkt sein Wert über sein fundamental richtiges Niveau, ist dies gut für die deutsche Wirtschaft. Steigt er dagegen, werden mögliche negative Folgen durch die auch sonst starke Stellung der deutschen Industrie im internationalen Wettbewerb überlagert. Entscheidend für die Entwicklung der deutschen Ausfuhren ist das Wachstum der Weltwirtschaft.

4. Die Einführung des Euro hat die Preisstabilität in Deutschland verbessert
Die Behauptung, die D-Mark habe besser vor Geldentwertung geschützt als der Euro, ist falsch. Zwar wurde die Wahrnehmung der Konsumenten durch die Bargeldeinführung des Euro im Januar 2002 verzerrt, bei der sich viele Lebensmittelpreise sprunghaft erhöhten. Aber tatsächlich lag die Infl ation in Deutschland mit dem Euro von 1999 bis 2011 bei durchschnittlich gerade einmal 1,5 Prozent pro Jahr. Im Vergleich dazu erhöhten sich die Verbraucherpreise mit der D-Mark in den 1970er Jahren durchschnittlich um jährlich mehr als fünf Prozent, in den 1980er und 1990er Jahren um 2,6 Prozent per annum.

5. Der Euro hat zu einem strukturell niedrigeren Zinsniveau und damit zu günstigeren Investitions- und Wachstumsbedingungen geführt
Seit 2001 gingen die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen insbesondere in den südeuropäischen Ländern deutlich zurück. Dies hat zu Investitionen und Wachstum, aber auch zu Konsum auf Pump geführt. Die Märkte hielten die No-Bailout-Klausel aufgrund der potenziell erheblichen Auswirkungen eines Staatsbankrotts für nicht durchsetzbar. Seit Beginn der Staatsschuldenkrise ist das Zinsniveau in den Peripherieländern im Vergleich zu Deutschland stark gestiegen. Es ist nicht ausgemacht, welche Auswirkungen das Zinsniveau künftig auf das Wachstum in der Eurozone haben wird. Jedenfalls sind die Chancen auf eine realistische und verantwortungsvolle Finanzpolitik durch die Krise gestiegen. Diese Chancen müssen aber auch konsequent genutzt werden.

6. Der Euro verschafft Deutschland das wirtschaftliche Gewicht, um internationale politische Rahmenbedingungen künftig mitzugestalten
Der Anteil Deutschlands am globalen Bruttoinlandsprodukt ist rückläufig. Während der Anteil Deutschlands 2011 nur noch rund vier Prozent ausmachte, lag der Anteil der Eurozone bei rund 14,5 Prozent. Auf unserem Kontinent ist nur die EU ein wirklicher Global Player: Mit fast einer halben Milliarde Menschen erzeugt sie ein Viertel der weltweiten Wirtschaftsleistung. Jeder Einzelstaat für sich allein kann kein Global Player sein, selbst Deutschland nicht. Europa muss sich verändern, um auch künftig stark in der Welt vertreten zu sein. Das habe ich in vielen Gesprächen in den vergangenen Tagen bei den Treff en mit meinen Kollegen aus den europäischen Wirtschaftsverbänden in Kopenhagen und aus den G20- Staaten in Mexiko immer wieder erfahren. Ja, die Staatsschuldenkrise in Europa hat das Vertrauen der Märkte tief erschüttert. Aber: Es liegt an uns, durch eine langfristige Zielorientierung verlorenes Vertrauen Stück für Stück zurückzugewinnen.

Wir Europäer müssen die Währungsunion jetzt konsequent zu einer politischen Union ausbauen. Erst durch die Einbettung in einen institutionellen Rahmen können die kurzfristig notwendigen Stabilisierungsmaßnahmen ihre vertrauensstiftende Wirkung entfalten. Die Krise hat gezeigt, dass eine gemeinsame Währungspolitik eine Vergemeinschaftung wichtiger Elemente der Wirtschafts- und Finanzpolitik erfordert. Zentrales Ziel der Übertragung weiterer nationaler wirtschafts- und fi nanzpolitischer Kompetenzen auf die europäische Ebene ist die Förderung von Haushaltskonsolidierung und Strukturreformen. Die Konsolidierung öffentlicher Haushalte und Wachstum sind zwei Seiten einer Medaille: Solide öff entliche Finanzen sind notwendige Voraussetzung für Wachstum. Die verstärkte und transparentere Überwachung der nationalen Haushaltspolitik im Europäischen Semester und die Einführung nationaler Schuldenbremsen im Rahmen des Fiskalpakts sind erste Schritte in diese Richtung, die mir Mut machen. Unsere Pfl icht als Unternehmer in Europa ist es, die Zukunft des Euros mitzugestalten.
In dieser Diskussion müssen wir uns in besonderer Weise engagieren. Ich bitte jeden von Ihnen, sich zu beteiligen. Ich halte nichts von populistischen Spekulationen und Mutmaßungen überfinanzielle Belastungen sowie angeblich undemokratische fiskalpolitische Mechanismen. Ein handlungsfähiger und verlässlicher Rettungsschirm ist für die langfristige Stabilität des Euroraums essentiell. Klar ist jedoch auch: Die Weiterentwicklung der Europäischen Integration muss durch eine stärkere demokratische Legitimation der europäischen Einigung begleitet werden. Gefragt sind kluge Konzepte und konstruktive Beiträge – die können Sie leisten. Auch Geschäftsmodelle und Unternehmensstrategien entstehen in rationalen Prozessen – und nicht am Stammtisch. Lassen Sie uns unseren Beitrag leisten, wie wir es aus unserer täglichen Praxis als Unternehmer und Manager gewohnt sind.

Es passt nicht zu unserem Selbstverständnis, in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ökonomischen Aktionismus und waghalsige Manöver von der Politik einzufordern. Stets waren Beständigkeit und langfristige Orientierung die Garanten für die Erfolge der deutschen Wirtschaft. Dies muss jetzt auch für den Kurs zur Stärkung des Euros gelten. Er ist eine Erfolgsgeschichte – und dies gilt auch angesichts der aktuellen Entwicklungen.

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